Italienisch ist eine romanische Sprache aus der Familie der indogermanischen Sprachen. Wie auch Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Rumänisch leitet sich die Sprache von »Bel Paese« aus dem Latein ab. Genauer gesagt wurde Italienisch aus der Anpassung des Lateinischen an eine lokale Mundart geboren.

Als Folge der Entstehung und Ausdehnung des Römischen Reiches wurde die lateinische Sprache zunächst in Italien verbreitet und so schließlich in weite Teile des Imperiums getragen. Sogar nach dem Zerfall des römischen Imperiums blieb in Italien lange Zeit das Lateinische die Schriftsprache: Latein wurde verwendet als die Sprache der Diplomatie, der Kirche und der Literatur. Aber in der gesprochenen Sprache hat sich das Latein nirgends in der Form erhalten, wie wir es von Cicero und Virgil her kennen, sondern es hat sich weiterentwickelt zu etwas anderem, neuem.

Das gesprochene Latein hat sich in Italien mit anderen lokalen Mundarten vermischt und so ist eine neue Sprache – das Italienische – entstanden.

Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die romanischen Sprachen nicht direkt aus dem klassischen Latein abgeleitet werden können, sondern der „gesprochenen Sprache“ entsprungen sind. Italienisch ist innerhalb der Sprachfamilie romanischer Sprachen keine Ausnahme. Es wurde oft behauptet, dass Italienisch von einem Dialekt des Lateinischen (dem so genannten »Vulgärlatein«) abstammt. Das ist aber nur insofern korrekt, als dass dieses Vulgärlatein (ital. »volgare«) keine einheitliche Sprache, sondern eine Abstraktion von zahlreichen lokalen Dialekten war. Ein „Lateinsprecher“, der damals die ganze Halbinsel Italiens entlang gereist wäre, hätte verschiedenste und für ihn nicht verständliche Sprachen gehört, die aber auf ein aufmerksames Studium hin deutliche Gemeinsamkeiten mit dem Lateinischen aufweisen. Die gleiche Erfahrung macht heute ein Deutscher, der in die Niederlande oder nach Dänemark reist.

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Die italienische Sprachgeschichte (Symbolbild). Foto: Pixabay, CC0

Am Ende des Römischen Reiches

Nach dem Zerfall des Römischen Imperiums (476 nach Christus) haben sich die unterschiedlichen Dialekte eigenständig weiterentwickelt, aber ohne dass jemals einer von ihnen alle Charakteristika einer wirklichen Sprache entwickelt hätte.
Eine Sprache verdient aus linguistischer Sicht diese Bezeichnung nämlich erst dann, wenn man sie in allen Bereichen einer Gesellschaft (Geschichte, Glauben, Philosophie, Wissenschaften etc.) einsetzen kann.

Diese „Nicht“-Entwicklung zur Sprache hin ist auch auf einen Mangel an politischer und zentralistischer Organisation zurückzuführen, der die Verbreitung einer gemeinsamen Sprache hätte erlauben könnte. Am Ende des Römischen Reiches hat das Latein seine Erbschaft in den verschiedenen Dialekten vieler Regionen, einschließlich aller Regionen Italiens, hinterlassen.

Was also als Vulgärlatein bezeichnet wird, ist keine einheitliche Sprache mit einheitlichen Charakteristiken (von Sizilien bis zu Lombardei). Es handelt sich hier vielmehr um einen theoretischen Begriff, den man verwenden kann, weil man gemeinsame Eigenschaften der verschiedenen Dialekte findet. Das Vulgärlatein besteht also aus einer Vielzahl von lokalen Mundarten.

Latein bleibt Schriftsprache

Bis ins 12. Jahrhundert blieb Latein auf der italienischen Halbinsel als Schriftsprache verbreitet. Jedoch haben sich die regionalen Mundarten im Laufe der Zeit immer mehr vom eigentlichen Latein weg entwickelt. Das so genannte »indovinello veronese« , ein kurzes Rätsel verfasst Ende des 8. oder Anfang des 9. Jahrhunderts von einem Schreiber aus Verona, ist noch in einer Mischung aus Volkssprache und Latein geschrieben. Wenn wir dieses Dokument mit den juristischen Texten der »Placiti Cassinesi« (entstanden von 960 bis 963 n.Chr.) vergleichen, merken wir wie weit sich die italienischen Dialekte in nur zweihundert Jahren vom Latein fortentwickelt haben.

Bei den Texten der Placiti Cassinesi handelt es sich um vier lateinische Gerichtsurteile, in denen der Grundbesitz von Klöstern in Kampanien (genauer in den Städten Capua, Sessa Aruncia und Teano) rechtskräftig bestätigt wird. In diesen Urteilen fanden Linguisten volkssprachliche Beschwörungsformeln eingebettet, die schriftlich genau so festgehalten worden waren, wie sie die Zeugen mündlich vorgetragen haben.

Vulgärsprache setzt sich vom Lateinischen ab

Im 13. Jahrhundert setzt sich die Vulgärsprache zunehmend vom Lateinischen ab und wird allmählich zu einer literarischen Sprache. Der Sonnengesang »Cantico delle Creature« des Heiligen Franz von Assisi (1181-1226) ist die erste in Vulgärsprache geschriebene Versdichtung.

Am Hofe Kaiser Friedrichs II. in Sizilien entstand eine höfische Liebeslyrik nach dem Modell des provenzalischen Minnegesangs, für die ein entdialektisiertes und mit Provenzalismen angereichertes Sizilianisch verwendet wurde. Die Dichtung der „Sizilianischen Schule“ wurde noch im selben Jahrhundert zuerst von Guittone d’Arezzo und den sogenannten „toskanischen Sizilianern“, dann von den Dichtern des »dolce stil novo« (dt. süßer neuer Stil) – eine literarische Bewegung in der Toskana im 13. und 14. Jahrhundert – weiterentwickelt.

Die Liebe (»amore«) wird entsprechend der platonischen Ideenlehre und höfisch-literarischer Anschauungen überhöht und als göttliche Kraft gesehen und mit einem ausgefeilten System von Metaphern und Symbolen beschrieben.

Neu ist die Selbstbeobachtung des Dichters, der die Wirkung weiblicher Schönheit auf seine Seele detailliert beschreibt, dabei aber vor allem Wert auf sprachliche Raffinesse und weniger auf authentische Darstellung des Erlebnisses legt. Für die Beschreibung der Schönheit der angebeteten Frau finden die Dichter des »dolce stil novo« eine Vielzahl von Bildern; die Geliebte erscheint als paradiesisches Wesen, als Engel oder als göttliche Braut und wird so in die Sphäre des Überirdischen entrückt.

Dichter geben Impulse zur Entwicklung

Ein noch größerer Impuls für die Entwicklung eines „linguistisch einheitlichen Modells“ der italienischen Sprache ging im 14.Jahrhundert vor allem von drei berühmten Dichtern aus. Diese so genannten »tre corone« (dt. die drei Gekrönten) waren Francesco Petrarca (1304 – 1374), Giovanni Boccaccio (1313 – 1375) und Dante Alighieri. Alle drei bedienten sich in ihren Werken des florentinischen Dialekts. Ihre Werke wurden mit großer Begeisterung innerhalb und, was bemerkenswert ist, auch außerhalb der Toskana gelesen und sind so zu einem Modell der literarischen Sprache geworden.

Es war der Verdienst dieser drei Dichter, dass sich ein überregionales Italienisch auf dieser toskanischen Grundlage allmählich in ganz Italien durchsetzte. Die Grammatik, das Vokabular und die Stilistik jener großen Schriftsteller wurde auf der ganzen italienischen Halbinsel von kultivierten und einflussreichen Personen imitiert.

Francesco Petrarca schrieb den »Canzoniere«, einen Zyklus von Gedichten, die alle an eine Frau gerichtet sind, die er vergeblich liebte. Petrarca sah das »Volgare« als Sprache eines raffinierten poetischen Stils.

Giovanni Boccaccio schrieb dagegen in dem Buch »Decamerone« hundert kleine Geschichten auf, die ganz unterschiedlich, manchmal traurig, manchmal dramatisch, aber oft auch sehr witzig und ganz schön frech sind. Die Liebe war das zentrale Thema seines Werkes. Die Sprache Boccaccios zeigt starke Einflüsse der Antike, andererseits finden sich auch etliche Charakteristika des gesprochenen Volksitalienisch (»Italiano popolare«).

Dante Alighieri trägt zur Entwicklung bei

Aber der eigentliche Grund dafür, dass sich im 14. Jahrhundert der florentinische Dialekt innerhalb ganz Italiens durchsetzen konnte, kann mit einem Namen verbunden werden: Dante (1265 – 1321), der als „Vater“ der italienischen Sprache gilt.

Dante Alighieri trug sowohl theoretisch als auch praktisch zur Entwicklung des Italienischen bei. Er sah zwar das Lateinische als »sovrano« (als Herrscher) an, wie er in seinem Werk »Convivio« schrieb, plädierte jedoch für die Verbreitung des Volgare, das er durch den »dolce stil novo« geadelt und als Sprache benutzte, um einen weiten Leserkreis anzusprechen. Durch ihn wurde Florentinisch zur Dichtersprache Italiens.

Wegen seiner Verbannung aus Florenz verachtete Dante das Toskanische und versuchte eine Kunstsprache, die die besten Eigenschaften der italienischen Dialekte vereinen sollte, zu erschaffen. Dennoch orientierte er sich beim Schreiben seines Hauptwerkes »Divina Commedia« am literarischen Florentinisch seiner Jugend, übernahm aber teilweise Wendungen aus anderen Dialekten Italiens und schuf so neue, kreative Wortbildungen.

Die Göttliche Komödie schildert in der Ichform eine Reise durch die drei Reiche der jenseitigen Welt: »Inferno« (Hölle), »Purgatorio «(Fegefeuer) und »Paradiso« (Paradies). Am wichtigsten ist aber ohne Zweifel die Tatsache, dass Dante mit der Divina Commedia weniger als ein Jahrhundert nach dem Beginn der italienischen Literatur ein literarisches Meisterwerk geschaffen und damit gezeigt hat, wozu die italienische Sprache fähig ist.

„De vulgari eloquentia“

Ganz wichtig für die italienische Literaturgeschichte ist auch ein in Latein verfasstes Werk, »De vulgari eloquentia«, ein Traktat über die Herkunft der Sprache und der Dichtung, das sich an ein gelehrtes Publikum richtete.

In diesem Werk plädierte Dante für das Volgare und stellte eine literarische Tradition für die „vulgären Sprachen“ auf, die Sprachen die in den Regionen Italiens vom Volk gesprochen wurden. In seinem Traktat schrieb Dante, dass die Italiener eine Nation bilden sollten, die eine gemeinsame gehobene Volkssprache brauche.

Nach Durchsicht der verschiedenen Dialekte Italiens glaubte Dante, diese Leitsprache im Toskanischen des »dolce stil nuovo« gefunden zu haben.

Dante erläuterte die vier Eigenschaften, die seine angestrebte Sprache erfüllen sollte:

  • Die neue Sprache sollte »illustre« (dt. erlaucht, kunstvoll) sein, um strahlend und edel über den Dialekten zu stehen.
  • Als zweite Eigenschaft sollte sie »cardinale «(dt. maßgebend, vorbildhaft) sein, weil sie eine zentrale Stellung einnehmen sollte.
  • Als dritte Eigenschaft zählte Dante »aulicum «(dt. bei Hof gesprochen) auf, um Sprache eines Königshofs zu sein.
  • Schließlich sollte die Sprache »curiale «(dt. höfisch) sein, weil sie dem erhabenen Stil der feierlichen öffentlichen Rede vor der Kurie entsprechen sollte.

Nachdem im 15. Jahrhundert die italienische Volkssprache während des Humanismus durch die wiederentdeckte Liebe zur antiken Literatur und dem Latein an Prestige verloren hatte, stand die Suche nach einem einheitlichen Volgare-Modell im 16. Jahrhundert wieder als Kernproblem im Mittelpunkt der sprachlichen Entwicklungen.

Wie bereits früher, bestand auch zu dieser Zeit weder eine politische Notwendigkeit noch eine politische Basis für eine sprachliche Einigung, denn Italien blieb weiter in eine Vielzahl von Territorien und Herrschaftsbereiche zersplittert. Dennoch diskutierte man in den kulturellen Zentren über die italienische Sprache, der aufgrund der politischen Vielfalt eine besondere Rolle zukam, und man stand nun vor dem Problem der Schaffung zuverlässiger Sprachregeln. Um dieses Problem zu lösen wäre aber eine grundsätzliche Entscheidung für ein Modell unabdingbare Voraussetzung gewesen.

Systematische Erfassung der italienischen Rechtschreibung

Also, welche „Volgare“ sollte als „Vulgare illustre“ ausgewählt werden? Hier hatte Pietro Bembo (1470-1547), ein typischer Vertreter der Renaissance und berühmter Intellektueller seiner Zeit, großen Anteil an der Entstehung einer gemeinsamen italienischen Sprache. In seinen Abhandlungen, vor allem in »Le prose della volgar lingua« (1525), verlieh Bembo, der Venezianer war, der Sprache Petrarcas eine Vorbildfunktion für die Lyrik und stellte Boccaccios Prosa als richtungsweisend heraus.

Seine Werke bildeten die Grundlage für die systematische Erfassung der italienischen Rechtschreibung und Grammatik und ermöglichten so die Einführung einer Standardsprache. Für Bembo war die Volkssprache von den großen Dichtern des 14. Jahrhunderts zu einer solchen Höhe emporgetragen worden, dass sie dem Lateinischen an Ausdrucksfähigkeit (copia), an Größe (grandezza) und Anmut (piacevolezza) gleich, wenn nicht gar überlegen war.

Als Antwort auf die Frage „Warum sollten wir in einer Sprache schreiben, in der wir nicht leben?“, schrieb Bembo, dass die »volgar lingua« für die Italiener »natia et propria, et la Latina straniera…« sei (dt. „die Volkssprache ist vorzuziehen, weil sie die natürliche und eigene ist und das Latein eine fremde Sprache ist“).

Gründung einer Sprachgesellschaft

Mit seinem Wirken hatte Bembo entscheidenden Einfluss auf Ludovico Ariosto (1474 – 1533), den herausragenden italienischen Dichter des 16. Jahrhunderts. Ihn inspirierte er zu einer dritten Bearbeitung seines »Orlando furioso« (1532). Auch auf die »Accademia della Crusca« hatte er Einfluss. Diese wurde 1582 in Florenz von Leonardo Salviati (1540 – 1589) gegründet und trug entscheidend zur Durchsetzung des »fiorentino« bei.

Die Accademia della Crusca gilt als die älteste Sprachgesellschaft und ihre Aufgabe ist bis heute das Studium und Bewahren der italienischen Sprache. Als Symbol der Sprachgesellschaft wurde eine Mehlmühle gewählt, wobei die Reinheit des Mehls eine Metapher für die Reinheit der Sprache war. Ihr Ziel war es, dem Motto „die Kleie vom Mehl zu scheiden“ gemäß (auf Deutsch würde man sagen „die Spreu vom Weizen zu trennen“, also das Schlechte vom Guten), die italienische Sprache zu wahren und zu fördern.

1612 gab die Gesellschaft das »Vocabulario degli Accademici della Crusca« heraus, das erste Wörterbuch der italienischen Sprache, von literarischen Kreisen in Italien schon seit Jahren mit Spannung erwartet. Das sehr reichhaltige Wörterbuch enthält auch sehr viele Wörter, die zum Zeitpunkt seines Erscheinens bereits völlig außer Gebrauch waren.

Sprachgebrauch in der Wissenschaft

Die höchste Stufe des Ausbaus einer Sprache ist dann erreicht, wenn sie für alle Bereiche der Wissenschaft verwendet werden kann. Obwohl das Italienische hinsichtlich seiner Orthographie, der Phonetik, der Morphologie und seiner Syntax ausgearbeitet wurde, hatte es dieses Ziel im 15. Jahrhundert noch nicht ganz erreicht. Zu dieser Zeit spielt Latein noch unangefochten die Rolle der Wissenschaftssprache. Trotzdem sind die Fortschritte für die weitere Entwicklung, hin zur eigenständigen und vollwertigen Sprache relevant.

Schon ab Ende des 15. Jahrhunderts gab es Darstellungen der Militärtechnik und Architektur sowie Werke zur Malerei und Architektur auf Vulgärlatein: den Anfang machte Leonardo da Vinci (1452-1519) im Jahre 1490 mit seiner Abhandlung »Trattato della pittura«. Das Ziel der Popularisierung verfolgte vor allem Cosimo I. de‘ Medici, dessen Familie im 15. und 16. Jahrhundert über Florenz geherrscht hat. Er gründete zwei Akademien, die Accademia Fiorentina (1541) und die Accademia dell‘ Arte del Disegno (1563), die den von ihnen geförderten Wissenschaften erhebliche Breitenwirkung verschafften.

Von den Professoren der Accademia Fiorentina verlangte Cosimo I., dass sie ihre öffentlichen Vorlesungen auf Italienisch abhielten. Gleichzeitig sollte die Akademie dafür Sorge tragen, dass alle in griechischer Sprache abgefassten wissenschaftlichen und gelehrten Werke ins Italienische übersetzt werden.

Sehr wichtig waren auch die Beiträge von Giordano Bruno (1548-1600) für die Philosophie und Galileo Galilei (1564-1642) für Mathematik, Physik und Astronomie. Da Galilei seine Entdeckungen 1632 als »Dialog über die Weltsysteme« in einem Buch in italienischer Sprache (nicht auf Latein, wie damals in akademischen Kreisen üblich) veröffentlichte, fanden seine Auffassungen bald auch außerhalb der Universitäten breite Zustimmung und er geriet in ernsten Konflikt mit der katholischen Kirche. Sein Ziel war es, für das ganze italienische Volk verständlich zu schreiben. Für die reine Mathematik blieb Latein bis ins 18. Jahrhundert das alleinige Medium, in der Medizin wurde es für dokumentarische Zwecke eingesetzt. Neu entstehende Wissenschaften bedienten sich beider Sprachen, zum Beispiel die Elektrizitätslehre.

Die Verwendung von Latein nimmt ab

Im 18. Jahrhundert trat Latein als Wissenschaftssprache immer deutlicher zurück. Viele Autoren begannen ihre Werke auf Italienisch zu veröffentlichen. Diese Autoren entschieden sich – unabhängig von ihrer Herkunft – gegen das Latein und ebenso gegen ihren jeweiligen Dialekt. Sie alle schrieben in der toskanischen Schriftsprache ihre Werke nieder. Somit gewann die toskanische Schriftsprache enorm an Bedeutung. Aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts hat das Italienische das Latein schließlich in all seinen Funktionen weitgehend abgelöst.

Ein neuer Abschnitt der Geschichte Italiens

Im 19. Jahrhundert hat sich der historische Hintergrund beträchtlich geändert, vor dem die »questione della lingua« (dt. die Frage der Sprache) wieder auflebt. Die Hoffnung auf die Befreiung und Vereinigung Italiens bildete seit dem 13. Jahrhundert ein wichtiges Thema der italienischen Literatur. Die italienischen Staaten und Fürstentümer waren schon länger ein politischer Spielball der europäischen Großmächte gewesen.

Durch Napoleon und den Einmarsch der französischen Truppen in Italien 1796 begann für Italien ein neuer Abschnitt der Geschichte. Außer der Toskana und Venetien war nun das ganze italienische Festland erstmals seit vielen Jahren unter einheitlicher Herrschaft – allerdings unter französischer Fremdherrschaft.

„… Eine einzige Nation, und Rom ist ohne Zweifel die Hauptstadt, welche eines Tages die Italiener wählen werden“, so versprach es Napoleon den Italienern. Trotz der Unzufriedenheit der Italiener (sie waren unterworfen worden und mussten all ihre revolutionären Hoffnungen begraben), entstand nun doch ein italienisches Nationalgefühl.

Nach dem Sturz Napoleons erfolgte die Restauration durch den Wiener Kongress: 1815 wurde die Halbinsel unter österreichischer Oberherrschaft wieder in die alten Kleinstaaten aufgeteilt. Italien wurde danach wieder nur ein geographischer Begriff, doch die Idee des »Risorgimento«, die italienische Nation als Staat anzusehen, war nicht mehr aufzuhalten.

Einigung Italiens

In dieser Epoche, die auf das napoleonische Zeitalter folgte, führten die politischen und sozialen Umbrüche schließlich zu einer Einigung Italiens. Bereits seit dem Jahr 1820 kam es immer wieder zu revolutionären Erhebungen, vor allem seitens der Geheimbünde. Aufgrund der starken Repression emigrierten viele Unterstützer der Revolution und machten sich weiterhin für die nationale Idee stark. 1831 gründete Giuseppe Mazzini den Geheimbund »Giovine Italia« (dt. Junges Italien) und in der illegal verbreiteten Zeitung »La Giovine Italia« forderte Mazzini die Einigung Italiens als demokratische Republik, die durch das Volk, also „von unten“ erkämpft werden müsse. Im Jahr 1848 kam es zu vielen Aufständen von Mailand über Rom und viele andere kleine und große Städte, die allerdings allesamt scheiterten.

Die Idee der nationalen Einigung wurde schließlich vom Königreich Piemont-Sardinien aufgegriffen, um ihren Herrschaftsbereich mit Hilfe Englands und Frankreichs erheblich auszudehnen. Nach dem Sturz der Bourbonen 1861 erklärt das gesamtitalienische Parlament im März Vittorio Emanuele II. zum König von Italien. 1866 kam auch Venetien zu Italien, allerdings ohne Trentino und Istrien. Dies wiederum führte zur Bewegung der „Irredentismus“, die den Anschluss beider Landstriche forderte. Nach längeren Kämpfen wurde letztlich auch der Kirchenstaat Vatikan dazugewonnen und 1871 Rom endgültig die Hauptstadt Italiens.

Einheitliche Sprache

Politische Einigungsversuche brachten auch die Frage nach einer einheitlichen Sprache wieder zu Tage. Nach der nationalen Einigung musste auch eine nationale Sprachpolitik umgesetzt werden. Das staatliche Engagement zur Herstellung der Spracheinheit war insofern ausgeprägt, als die italienische Regierung die Ideen Alessandro Manzonis wieder aufgriff und das Florentinische zur Grundlage der künftigen Nationalsprache erheben wollte.

Die »questione della lingua«, bis dahin eher ein Streit unter Literaten, wurde erstmals zu einer gesellschaftlichen Frage. Man forderte von den Autoren, dass sie sich einer lebendigen Sprache bedienten, die sowohl im schriftlichen, als auch im mündlichen Gebrauch geeignet sei, zur Nationalsprache zu werden. Diese Forderungen erfüllte zum Beispiel die Sprache Manzonis in dessen Roman »Promessi Sposi«. Manzoni verwendete darin eine Sprache für jedermann – aus der Perspektive des einfachen Volkes – und konnte hierdurch von allen (gebildeten) Italienern im ganzen Land gelesen und verstanden werden.

Nach der Einigung wurde Manzoni zum Senator des neuen Königreichs ernannt und im Januar 1868 zum Präsidenten einer Studienkommission berufen, die eine schnelle und effektive Verbreitung der italienischen Sprache durchsetzen sollte. Manzonis begeistertes Engagement in dieser Kommission bezeugte erneut, dass die »questione della lingua« für ihn nicht nur ein Problem der Literatur, sondern auch der gesprochenen Sprache war. Er forderte einheitliche Kriterien für das Italienische zu schaffen, auf der Basis des aktuellen Florentinischen. So legte er den Grundstein für die heutige Form des Standarditalienisch, wo vor allem in Phonologie und Morphologie toskanische Elemente dominieren.

Italienisch ist eine hochkultivierte Schriftsprache

Heute ist Italienisch eine hochkultivierte Schriftsprache und zunehmend empfänglicher für die Spielarten der gesprochenen Sprache, für individuelle Ausdrucksmöglichkeiten und vor allem für das Studium in verschiedenen Bereichen des Lebens. Auf Italienisch haben weltberühmte Schriftsteller wie Giovanni Verga (1840-1922), Luigi Pirandello (1867-1936), Italo Svevo (1861-1928), Salvatore Quasimodo (1901-1968), Leonardo Sciascia (1921-1989) ihre Werke verfasst. Die Sprache ist geschmeidiger und reicher geworden, oft greift sie auf Neologismen, regionale Ausdrucksweisen und Sonderkonstruktionen zurück.

Italienische ist weiterhin eine gebildete, erlesene Sprache und als solche anregend und aufregend für ein interessiertes, ausländisches Publikum. Schätzungen zufolge sollen in der ganzen Welt rund 200 Millionen Menschen Italienisch sprechen, es lernen oder lernen wollen.

Quelle: Sprachenlernen24

Italienische Sprachgeschichte
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